00

Ein Troubadour der modernen Einweihung


Ein ungewöhnliches, zunächst unzeitgemäss erscheinendes Buch ist Adam Michaelis da gelungen. Denn zunächst erwartet man in "The Anatomy of Evil in our time" die x-te Neuauflage abstrakt erscheinender Aussagen Rudolf Steiners zu dem Thema. Dann, nach einigen Seiten, erwartet man den Egotrip eines wirren Neuokkultisten, der wie üblich in obskuren paranoiden Aussagen mündet. Das Buch ist aber nichts von alledem. Es handelt sich - bei einigen "Anstössigkeiten", die darin für den Leser enthalten sein mögen - doch um den profunden Erfahrungsbericht eines modernen Okkultisten, der einen lehrreichen persönlichen Initiationsweg in der konkreten Auseinandersetzung mit östlichen Gruppierungen schildert. Hier die Buchbesprechung...

Dies ist definitiv kein Buch, das man an einem Wochenende herunterlesen kann, nicht nur wegen der englischen Sprache, die der dänische Autor verwendet, sondern wegen der okkulten Inhalte, der zahlreichen Perspektivenwechsel und nicht zuletzt mancher zunächst nicht leicht zu verarbeitenden Inhalte. Mit “okkultem Inhalt” ist gemeint, dass die Kernpunkte, an denen sich das Buch strukturiert, in Imaginationen bestehen, die der Autor aus eigener Erfahrung beschreibt. Diese werden nicht nur auf sehr plastische und lebendige Weise geschildert, sondern stets auch abgeglichen und überprüft durch eine Fülle von Träumen und eine sehr sorgfältige Analyse. Schon mit dieser Methodik wird dem interessierten Leser ein Instrument an die Hand gegeben, das man mit geistiger Schulung beschreiben könnte. Dieses Buch - so autobiographisch es in vieler Hinsicht daherkommen mag - ist zugleich ein Lehrbuch. Die autobiographischen Inhalte werden häufig durchbrochen von einer tief gehenden Selbstanalyse, aber auch von Reflexionen über die Natur des Bösen, von einer begleitenden Referierung von Textstellen Rudolf Steiners und einer scharfen Kritik bestehender okkulter Strömungen wie dem Lamaismus und der New- Age- Bewegung. Für Anthroposophen ist die knappe und prägnante Zusammenfassung von Texten Rudolf Steiners bestechend.


Der permanente Perspektivwechsel verhindert bereits einen rein autobiographischen Bericht. Der Weg der Erzählers durch eine jahrelange Mitgliedschaft in äußerst zwielichtigen buddhistisch- lamaistischen und tantrisch orientierten Organisationen wird nicht nur in romanartiger Weise geschildert, sondern wird dadurch ebenfalls zu einem Lehrstück für den Leser, dass der Erzähler die dunklen Seiten dieser Bewegung mit dem Leser zusammen Stück für Stück entdeckt, analysiert und schliesslich davon in vielfältiger Weise eingeholt wird: Nach der äußeren Befreiung aus und Distanzierung von den hierarchisch organisierten, manipulativen und menschenverachtenden Sekten wird der Erzähler angegriffen und in eine Art okkulte Gefangenschaft genommen und geistig, seelisch und körperlich zu einer Marionette gemacht. Das Ergebnis dieser Kämpfe um die geistige Autonomie sind psychose- ähnliche Zustände des Erzählers, aus denen sich dieser nur dadurch befreien kann, dass er den Kernkräften dieser Absichten bewusst begegnet. In dieser Form geht Michaelis durch eine paralysierende Selbstanalyse hindurch auf eine innere Begegnung mit dem hin, das man als das Böse schlechthin bezeichnen kann. In den Auseinandersetzungen an der letzten Grenze geistiger Autonomie und Authentizität - nahe an einer vollständigen Zerstörung und ständig bedroht von illegitimen manipulativen Versuchen und Übergriffen - vollzieht der Erzähler etwas, was man als Initiation in der Begegnung mit dem Bösen bezeichnen kann.


An diesem Punkt laufen die vielfältigen Perspektiven, Spuren und Elemente des Buchs zusammen: In der Kulmination, an der absoluten Grenze. In dieser Architektur zeigt sich auch, dass dieses Buch von Anfang an ein Lehrbuch ist. Es kommt als okkultes Roadmovie daher, als eine Art “Wilhelm-Meisters-Lehrjahre” für zeitgenössische Okkultisten. Es ist aber zugleich in jedem Moment ein Führer durch unbekannte Gegenden und gibt eine Landkarte für Suchende - insbesondere für den Fall, dass diese sich in ungesunden Strukturen verheddert und verlaufen haben. Der Weg der Einweihung ist - so zeigt dieses Buch - nicht ohne eine Auseinandersetzung am Rande des Abgründigen zu haben. Dies schon allein deshalb, weil dieser Prozess dasjenige an die Oberfläche spült, was an Abgründigem in der Person der Einzuweihenden selbst liegt.


Die Schärfe, mit der insbesondere lamaistisch- tantrische Bewegungen beurteilt werden, wird manchen Leser ebenso abschrecken wie das teilweise verwendete anthroposophische Vokabular. Zeitgenossen, die keine Verbindung mit inneren Suchbewegungen haben, werden schon durch die imaginative Bilderflut abgeschreckt werden. Wie jedes Lehrbuch baut dieses Buch innere Hürden auf, die nur der überwinden wird, dem diese “offenbaren Geheimnisse” etwas zu sagen vermögen. Für die Anderen handelt es sich lediglich um die Lebensbeichte eines psychotischen Zeitgenossen, der - durchaus nicht ohne eigenes Verschulden - in die Fänge einer Sekte geraten ist und im Nachhinein mit seiner Situation hadert. Aber selbst für denjenigen, dem diese okkulte Landkarte deshalb etwas sagt, weil er die Landschaft aus eigener Anschauung zumindest in Ansätzen kennt, mag manches abschrecken oder erschrecken, weil es mit einer Allgemeingültigkeit behauptet wird, die Widerspruch herausfordert. Dazu gehört z.B. die Schilderung des Buddhismus in seinen westlichen Spielarten als ein gross angelegtes Täuschungsmanöver in der Hinsicht, dass hinter der vorgeblichen Sanftmut, hinter der Maske der humanen religiösen Erbauung nach Michaelis manipulierende lamaistische Kreise stecken sollen. Selbst der Dalai Lama selbst wird als dämonisierte Maske beschrieben.


Auf der anderen Seite erhält diese Initiationsgeschichte einerseits dadurch einen hohen Grad von Authentizität, dass die geschilderten geistigen Erfahrungen stimmig und nachvollziehbar erscheinen, aber andererseits auch dadurch, dass die vorgenommene Selbstanalyse von einer geradezu vernichtenden Kritik an der eigenen Person begleitet wird. Hier geht jemand mehr als ehrlich mit sich und seinen Lesern um. Es ist auch vollkommen nachvollziehbar, dass diese Selbstanalyse in der Wucht der geschilderten geistigen Auseinandersetzungen absolut notwendig ist. Die vorgenommene Selbsterkenntnis ist ein notwendiger Teil des Initiationsprozesses. Auch in dieser Hinsicht handelt es sich eben um ein Lehrbuch.


“Adam Michaelis” ist ein symbolisches Pseudonym, das den Menschen schlechthin im Michaelischen Zeitalter anspricht. Letzteres zeichnet sich nicht zuletzt aus durch die Auseinandersetzung mit dem Bösen. Selbst der Name des Autors verweist also auf didaktische Absichten. Damit unterstelle ich nichts Negatives. Es wäre nur ein Fehler, das Buch lediglich als autobiographischen Horrortrip zu lesen. Die biographischen Elemente sind eben auch ein Stilmittel, ein Instrument, um den Leser an die Stationen einer modernen Initiation zu führen, so wie die reisenden Rosenkreuzer des Mittelalters an den Höfen als Troubadoure auftraten oder didaktische Märchen erzählten. Auch diese Märchen entwarfen “innere Landkarten” in Bildern.


Trotz mancher etwas allgemein gültig daherkommender Urteile,trotz der gnadenlosen Abrechnung mit New-Agern und östlichen Okkultisten, trotz des vielleicht etwas pompös anmutenden Finales (die Inkarnation des Bösen) handelt es sich um ein sorgfältig komponiertes okkultes Lehrbuch, dem ich seine Grösse und Bedeutung in keiner Weise absprechen möchte, ganz im Gegenteil.


Von anderen Lehrbüchern unterscheidet es sich durch die schrankenlose Offenheit auch in Bezug auf die eigene Person, aber auch durch die detaillierte Schilderung und Analyse geistiger Erfahrung.
Ich werde es sicherlich wieder lesen.

 

MICHAEL EGGERT

http://www.egoisten.de

Homepage of Michael Eggert

Klik her for at få dit eget GoMINIsite